BARCO Negro

 

Ein Fall für Chefinspektor Fonseca

Mordkommission Porto

 

 

Sie waren jetzt fast da. Links in der Dunkelheit lag schon der offene Atlantik. Der Regen wehte beinahe waagerecht durch das Scheinwerferlicht und prasselte wie irrsinnig gegen die Wagenseite.

Der Fahrer hielt nervös das Lenkrad umklammert und hatte sich vorgebeugt, um besser sehen zu können. Sturmböen rüttelten an dem Lieferwagen. »Hätte ich mich bloß nie darauf eingelassen!«

»Das hättest du dir früher überlegen müssen. Also reiß dich jetzt zusammen!« Der Mann auf dem Beifahrersitz saß zurückgelehnt da, beide Hände in den Taschen seines Regenmantels. »Du weißt doch: wir müssen es tun. Eine andere Möglichkeit haben wir nicht.« In der Tasche schloss er einmal probeweise seine Hand um den Griff des Messers. »Es wird schon gutgehen. Wir müssen nur die Nerven behalten. Du auch!«

»Ja, ja, ich versuch’s ja ...«

Vor ihnen tauchten weißgetünchte Mauern aus der Dunkelheit auf. Der Fahrer bremste und bog in eine schmale Einfahrt. Dahinter traf der Regen sie mit voller Wucht von vorn. Zwei verschwommene Lichter, das war alles, was von den beiden Häusern zu erkennen war.

Der Lieferwagen fuhr bis hinter das zweite Haus. Dort hielt er an, der Fahrer machte Motor und Scheinwerfer aus. Der andere fragte: »Hast du den Schlüssel?«

»Ja, habe ich.«

»Dann los!«

Sie stiegen gleichzeitig aus, klappten die Wagentüren hinter sich zu und rannten geduckt zum Haus hinüber. Unter dem kleinen Vordach trafen sie wieder zusammen. Der Fahrer steckte den Schlüssel ins Schloss.

Der andere hielt sich dicht hinter ihm. Ein leises Klacken, das Öffnen der Haustür: das war das Signal. Er presste dem Fahrer die Hand auf den Mund und stach mit dem Messer zu. Ein einziger Stich, von hinten ins Herz, glatt und sauber.

Der Fahrer gab kaum einen Laut von sich. Der Mann spürte, wie er in seinem Arm erschlaffte, und ließ ihn vorsichtig vornübersinken.

Er sah sich kurz um. Dann packte er den Toten, schleifte ihn in den Flur und schloss die Tür hinter sich. Ein, zwei Atemzüge lang stand er im Dunkeln und horchte. Er war da, wo er hinwollte. Er war im Haus.

In dem Moment ging das Licht an.

 

 

 

 

 

1

 

 

Porto, einundzwanzigster November.

 

Auch am Morgen hielten Wind und Regen unvermindert an. Im Westen schlug eine mächtige Brandung an die Küste. Unaufhörlich donnerten die Brecher auf die Felsen und überspülten den Strand. Die Gischt wehte bis über die Straße, und bei den großen Palmen der Uferpromenade schwangen alle Wedel nach einer Seite.

In langen Schwaden trieb der Regen über die Hügel der Stadt, über die trutzige Kathedrale und den Bischofspalast, über Kirchen und Klöster und das verschachtelte Dächergewirr der Altstadt. Auf den Brücken über den Douro staute sich der Berufsverkehr, und auch auf den übrigen Einfallstraßen ging es nur stockend voran, Wagen an Wagen, mit eingeschalteten Scheinwerfern, in kilometerlangen leuchtenden Schlangen.

»Muito bom dia! Es ist acht Uhr dreißig.« Der Radiosprecher klang so munter wie immer. »Der Starkregen der vergangenen Nacht hat überall im Großraum Porto zu Überschwemmungen geführt. Die Feuerwehr bemüht sich nach Kräften, die verstopften Gullys wieder freizubekommen, aber bis jetzt muss im gesamten Stadtgebiet mit erheblichen Verkehrsbehinderungen gerechnet werden. Besonders betroffen sind – «

Ana Cristina schaltete um auf Musik. Sie brauchte keine Stauwarnung mehr, sie stand schon im Stau, auf dem inneren Stadtring. Ab und zu ging es mal ein, zwei Meter vorwärts, dann leuchteten auch schon wieder die roten Bremslichter auf. Die anderen Autos waren beinahe das einzige, was sie erkennen konnte, der Rest der Welt verschwand in Dunst und Regen. Schemenhaft tauchten die blauen Schilder über der Fahrbahn auf und wurden nach und nach größer: ›IC 23, Ponte Freixo, A 1 Lisboa‹.

Sie fing an, an ihrem Haargummi herumzunesteln, löste es schließlich, schüttelte ihr langes dunkles Haar und band sich dann den Pferdeschwanz noch einmal neu. Sie hatte eine kurze Lederjacke an und enge Jeans, und neben ihr auf dem Beifahrersitz lag die Plastiktüte mit ihren schicken neuen Stiefeletten. Im Moment trug sie ein Paar grellrosa Gummistiefel.

Das Schild ›Porto, Paranhos‹ erschien und rückte Meter für Meter näher. Ihre Ausfahrt, endlich. Als sie in die Rua Assis Vaz einbog, war sie fast eine Stunde zu spät dran, aber bei dem Wetter ging sie davon aus, dass sie nicht die einzige war.

Sie bremste vor dem nüchternen grauen Gebäude, das direkt an der Kreuzung stand. Mit seiner halbrunden Betonfassade und den automatischen Schranken vor der Einfahrt hätte es einfach ein Parkhaus sein können. Nur auf einem kleinen Wappenschild am Eingang stand ›Polícia Judiciária‹: Kriminalpolizei. Die Schranke hob sich ganz selbstverständlich vor ihrem Wagen und sie fuhr die Rampe hoch. Ein Wachmann lächelte ihr zu und winkte kurz.

Während sie durch die Garage fuhr, hielt sie Ausschau nach dem Mercedes ihres Chefs. Er war nirgends zu sehen. Vielleicht war er ja wirklich noch nicht da.

Also schnell jetzt.

Kaum hatte sie eingeparkt, langte sie nach der Plastiktüte, machte die Fahrertür weit auf und schwang ihre Beine hinaus. Sie stellte die Stiefeletten vor sich auf den Boden und wollte gerade den ersten Gummistiefel ausziehen, als sie Schritte hörte.

»Nein, der ist auch nicht da«, sagte jemand, der offenbar im Gehen telefonierte. »Hat aber angerufen. Steht im Stau.«

Sie erkannte die Stimme sofort, und schon sah sie ihn auch zwischen den geparkten Wagen auf sich zukommen: Inspektor Rui Pinto, wieder in einem seiner feinen Anzüge. Er hatte einen Regenmantel über dem Arm, und mit der anderen Hand hielt er sein Mobiltelefon ans Ohr. Sein schwarzes Haar war an den Seiten straff zurückgekämmt und glänzte, als sei es nass geworden, aber daran glaubte sie nicht recht. Vor etwas Gel im Haar scheute er auch sonst nicht zurück. Er musste so Anfang dreißig sein, etwa zehn Jahre älter als sie selbst, und für ihren Geschmack wusste er ein bisschen zu genau, wie gut er aussah.

»Nein, die sind beide schon weg«, sagte er. »In Gaia ist eine Wasserleiche angetrieben. Nicht mehr ganz taufrisch, wenn ich das richtig gehört habe. Kommt wohl von weiter flussaufwärts, und das Hochwasser hat sie irgendwo losgerissen.«

Als er Ana Cristina bemerkte, nickte er ihr lächelnd zu, und sie sah, wie sein Blick auf ihre leuchtend rosa Gummistiefel fiel. Er blieb stehen und deckte kurz sein Telefon ab. »Lassen Sie die mal gleich an. Wir müssen los. Außerdem sehen die klasse aus!«

Sie lächelte etwas bemüht zu ihm hinauf.

»Ja, ja, alles etwas schwierig heute Morgen. Ana ist gerade reingekommen, die könnte ich mitnehmen.«

Sie rollte die Augen gen Himmel. Na, wunderbar! Inzwischen war sie ziemlich sicher, dass er mit dem Chef telefonierte. Sie schüttelte den Kopf und wartete ab.

»Ja, machen wir. Und Sie kommen dann auch hin? – Gut, ich melde mich dann.« Pinto nahm sein Telefon vom Ohr und drückte die Taste.

Ana Cristina steckte ihre Stiefeletten zurück in die Plastik­tüte, warf sie in den Wagen und stand auf. »Bom dia.«

»Bom dia. Der Chef kommt heute später, bei dem hat’s reingeregnet. Alles unter Wasser, sagt er. Die Sache ist die: wir haben einen Leichenfund in Perafita.«

»Aha?« Sie schloss ihren Wagen ab. »Und was ist da passiert?«

Pinto zuckte die Achseln. »Bis jetzt wissen wir nur, dass da ein toter Mann im Hausflur liegt. Hier entlang, bitte. Die Schutzpolizei hat die Sache gerade eben gemeldet, ein Streifenwagen ist vor Ort. Ein Einzelhaus am Rande von Perafita, irgendwo hinter der Raffinerie.« Er nahm einen Autoschlüssel aus der Tasche, drückte darauf, und ein ganzes Stück vor ihnen klackte es und ein Citroën ließ seine Hecklichter aufleuchten. »Der Mann ist vermutlich erstochen worden. Von hinten.«

»Das heißt, es war Mord?«

»Sieht so aus.«

Ana Cristina ließ sich nichts anmerken, nur ihre Schritte wurden etwas schneller. Eine richtige Mordermittlung, von Anfang an! Das war mal etwas anderes als der Kleinkram, der ihr sonst so zugeschoben wurde. Sie brauchte endlich eine Aufgabe. Sie wollte beweisen, dass sie etwas konnte. Schließlich war sie frisch von der Polizeihochschule und vom Dienstgrad her noch Inspectora estagiária: Inspektorin im Praktikum.

Sie hörte, wie ein Auto die Rampe heraufkam und wandte sich misstrauisch danach um. Das fehlte noch, dass ihr jetzt einer den Fall vor der Nase wegschnappte. Aber nein, der Wagen kam ihr ganz unbekannt vor.

Pinto hatte auch gar nicht hingesehen, er telefonierte schon wieder. »Ja, ich fahr jetzt nach Perafita. Wie sieht’s denn aus auf der IC 1?« Er öffnete die Fahrertür. »Immer noch? Na gut, danke.« Er legte sein Telefon aufs Wagendach und zog den Regenmantel an. »Die IC 1 ist dicht. Mal sehen, ob wir irgendwie anders durchkommen.«

»Das werden wir schon«, sagte Ana Cristina, mit einem Lächeln. »Fahren wir auf jeden Fall erst mal los!«

 

 

Eine halbe Stunde später standen sie im Stau auf der Avenida da Boavista, und es regnete, dass die Scheibenwischer kaum dagegen ankamen. Irgendwo weit vor ihnen zuckte der Widerschein eines Blaulichts an den nassen Fassaden. Vorne und hinten wurde immer wieder laut gehupt. Pinto telefonierte die meiste Zeit. Zwischendurch fragte er einmal: »Das ist dann Ihr erster Mordfall, was?«

»Ja«, konnte sie gerade noch sagen, dann erklang schon von neuem die Erkennungsmelodie seines Telefons.

Wieder sah sie still aus dem Seitenfenster. In dem Mercedes neben ihr saß ein älterer Herr, der ebenfalls ununterbrochen telefonierte. Offenbar benutzte er eine Freisprechanlage. Ganz allein in seinem Wagen, redete und redete er und gestikulierte dauernd mit beiden Händen. Sie war immer noch dabei, ihm zuzuschauen, als Pinto plötzlich sagte: »Was? Und wo?«

Sie sah ihn an.

»Ja«, sagte er. »Ja.« Es schien etwas Ernstes zu sein. »Ja. – Aha? Und woher wissen wir das so genau? – Moment mal. Reden wir hier von derselben Nachbarin, die den Mann gefunden hat? – Und die läuft da jetzt immer noch im Haus herum? – Ja, ja, wir sind gleich da.« Er drückte die Taste. »Jedenfalls hoffen wir das.«

»Was ist los?«

»Sie haben noch eine Leiche gefunden. Drinnen im Haus. Im Wohnzimmer liegt eine Frau.« Er schüttelte den Kopf. »Und identifiziert ist sie auch schon!«

»Identifiziert?« Das alles klang nicht gerade nach einem Ablauf wie im Lehrbuch.

»Ja, von einer Nachbarin! Wissen Sie, was die gesagt haben? Sie hätten sie ›nicht aufhalten können‹! Zugegeben, solche Nachbarinnen gibt es.«

»Das heißt, die haben nicht einmal den Tatort abgesperrt?«

Pinto hob beide Hände. »Schutzpolizei! Wer weiß, was die da sonst noch gemacht haben. Wahrscheinlich wieder ein paar Kippen irgendwo hingeworfen. Bei denen kann man froh sein, wenn sie den Tatort nicht aus Versehen in Brand gesteckt haben, bevor man da ist.«

»Na, das fängt ja gut an.«

»Wieso, ist doch normal.« Er hupte zweimal kurz hintereinander. Sofort fingen auch andere Fahrer wieder an zu hupen. »So, irgendwie müssen wir hier jetzt mal weg! Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit.«

Er schaltete den Blinker ein, fuhr an und schwenkte einfach links aus dem Stau hinaus auf die Gegenfahrbahn. Als sie an der Reihe der Autos entlangfuhren, die vor ihnen gestanden hatten, steigerte sich das Hupen zu einem wütenden Dauerton. Einen Moment lang wunderte sich Ana Cristina, dass die Spur überhaupt frei war und ihnen niemand entgegenkam, aber dann sah sie auch schon den Grund. Hinter dem Feuerwehr­wagen mit dem blinkenden Blaulicht stand die breite Avenida komplett unter Wasser, und der Gegenverkehr wartete drüben am anderen Ufer.

Ein Feuerwehrmann kam winkend auf sie zu: ›Halt, halt! Zurück!‹ Aber Pinto fuhr ungerührt weiter und hielt erst direkt neben ihm an. Er ließ sein Seitenfenster herunter und zeigte die Dienstmarke der Polícia Judiciária. »PJ«, sagte er. »Wir müssen durch!«

»Das geht nicht! Das sehen Sie doch! Da saufen Sie ab bis hier! Wir tun ja schon, was wir können!«

»Wie sieht’s denn da links aus? Kann ich da nicht seitlich vorbei?«

»Nein, können Sie nicht! Sie können höchstens wenden und zurückfahren!« Der Feuerwehrmann richtete sich abrupt auf. »Oh, Scheiße! Jetzt kommen die hier alle an!« Er hob beide Arme. »Zurück! Zurück, hab ich gesagt! Hier ist gesperrt!«

Pinto ließ seine Seitenscheibe hoch und gab unauffällig Gas. Ein paar Meter fuhren sie durch flaches Wasser, dann stand ein Lieferwagen im Weg. Pinto hupte ihn an, aber er rührte sich nicht. »Können Sie hinten was sehen?«

Ana Cristina drehte sich um. Der Regen prasselte laut aufs Wagendach. »Nein, nicht wirklich!« Aber schon fuhren sie rückwärts.

Pinto bremste und bog dann auf eine Art Vorplatz ein, auf dem Fahnenmasten standen. Ana Cristina sah den erleuchteten Eingang eines Hotels vorbeiziehen, dann waren sie hinten auf einem Parkplatz. Vor ihnen tauchte eine Schranke auf. Pinto fuhr an das Wärterhäuschen heran, klopfte an die Scheibe, und sie wurde zögernd aufgeschoben. »PJ. Alles in Ordnung bei Ihnen? Na, prima. Dann machen Sie bitte die Schranke auf, ja?« Der Parkwärter stellte keine Fragen.

Als sie weiterfuhren, sagte Ana Cristina: »Diese Frau … Hat man Ihnen etwas über die Todesursache gesagt?«

»Nein, nichts. Steht wohl noch nicht fest.«

»Und wer ist sie? Was sagt die Nachbarin?«

»Die sagt, es ist die Ehefrau. Die beiden Toten sind wohl die Leute, die in dem Haus gewohnt haben. Die beiden allein, sagt sie. Keine Kinder oder sonst jemand.«

An der nächsten roten Ampel hob er sein Telefon ans Ohr. »Ja, Inspektor Pinto hier, PJ. Wir sind auf dem Weg zu Ihnen.« Die Ampel wurde grün und er fuhr wieder an. »Wie ist das, mit der weiblichen Leiche: können Sie etwas über die Todesursache sagen? – Nicht einmal eine Vermutung? Wonach sieht es denn aus? – Was soll das heißen, ›merkwürdig‹? – Ja, das würde ich ja gern. Bis gleich.« Er sah Ana Cristina an und sagte: »Irgend­etwas kommt ihnen ›merkwürdig‹ vor. Sie können sich ›gar nicht erklären, was da passiert ist‹.«

»Mehr hat er nicht gesagt?«

»Nein, er meinte, wir sollen uns das lieber mal selber ansehen.«

»Na gut, warten wir’s ab.« Etwas unwillig blickte sie hinaus in den Regen. Ein Auto immer dicht hinter dem anderen, fuhren sie eine enge, dunkle Straße entlang. Nach einer Weile sagte sie: »Ein Ehepaar …«

»Tja«, sagte Pinto, »in neun von zehn Fällen heißt das: Einer von ihnen hat den anderen umgebracht. Und hinterher Selbstmord begangen.«

»Angenommen, es stimmt, dass der Mann von hinten er­stochen wurde …«

»Dann wäre das die Frau gewesen, das ist richtig. Ich weiß nicht, früher war ein Messermord ja eher Männersache. Aber die Frauen von heute, hm?« Er sah sie von der Seite an. »Die holen eben auf in allen Bereichen.«

Ana Cristina lächelte kurz zurück, aber sie sagte nichts dazu. Die Straße führte jetzt bergab, und dort unten, zwischen den Häusern mit den kleinen Balkonen, sah sie plötzlich das Meer: die riesigen Atlantikbrecher, die so machtvoll herangerollt kamen, dass sie sich beinahe erschrocken in ihren Sitz zurücklehnte.

 

 

 

 

 

 

 

 

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