tod in porto

 

Das Video ist nur dreiunddreißig Sekunden lang. Es ist etwas wackelig, eine einfache Aufnahme mit dem Mobiltelefon. Der Blick geht einen Gartenweg entlang, der direkt auf die Holztür eines niedrigen Schuppens zuführt. Irgendetwas hängt an der Tür, das aus dieser Entfernung noch nicht zu erkennen ist.

   Die Kamera bewegt sich langsam darauf zu. Auf der einen Seite des Weges bleibt eine große Yucca zurück, auf der anderen der Stamm einer Palme. Schritt für Schritt geht es näher heran, dann sieht man es ganz deutlich: es sind zwei menschliche Ohren, die an die Tür genagelt sind. Das eine links, das andere rechts, und dazwischen, auf Höhe der Ohrläppchen: eine herausgeschnittene Zunge.

   Die Kamera geht ganz nahe heran und bewegt sich nicht mehr. Ein paar Sekunden sind nur noch die Ohren im Bild, die herabhängende Zunge, die drei langen Nägel.

   Dann ist das Video vorbei.

 

 

 

 

1

 

 

 

Der Himmel über Porto war strahlend blau, die Möwen zogen ihre Kreise. Es war heiß jetzt um die Mittagszeit, aber eine sanfte Sommerbrise strich den Rio Douro entlang und brachte den Geruch des Meeres mit.

   Die Kellner hatten drei Tische zusammengerückt, für die Vorspeise war schon gedeckt. Entspannt, in kurzärmeligen Hemden, saß die Gruppe unter den großen weißen Sonnenschirmen: sieben Männer von der Mordkommission der Polícia Judiciária.

»Kinder, wie haben wir das gemacht?« Chefinspektor Fonseca, ein massiger, untersetzter Mann um die fünfzig, saß an der Stirnseite der Tafel. Er hob sein Glas. »Pünktlich zum Ferienbeginn beide Fälle abgeschlossen! Ich finde, wir können uns ruhig mal selber loben.«

   »Das können wir!«, kam es aus der Runde. »Den Urlaub haben wir uns weiß Gott verdient!«

   »Streng genommen«, sagte Inspektor Dinis, »haben wir ja noch bis morgen Bereitschaft.«

   »Buuuh!«

   »Spielverderber!«

   Dinis zuckte mit den Schultern. »Ich sage ja nur, wie es ist.« Er konnte nicht anders, er war einfach so. Mit seiner Halbglatze sah er auch eher aus wie ein nüchterner Verwaltungsbeamter.

   »Na, kommen Sie …«, sagte Fonseca. »Sehen Sie sich doch mal um. Was soll sein, hm?«

  Das Restaurant lag am Südufer und von der Terrasse hatte man einen weiten Blick über die Dächer der Portweinkellereien bis hinab zum blauen Fluss. Bunt bewimpelte Barkassen fuhren unter dem hohen Bogen der Ponte Dom Luís hindurch. Drüben, am Kai der Ribeira, leuchteten die weißen Markisen der Cafés und das Häusergewirr der Altstadt staffelte sich die Hügel hinauf wie seit Jahrhunderten. Die Welt war ein sonniger, friedlicher Ort.

   »Einfach mal abschalten, Dinis.« Rui Pinto hob jetzt ebenfalls sein Glas. Mitte dreißig, gut aussehend und nicht ganz uneitel, hatte er auch heute wieder etwas Gel in seinem schwarzen Haar. »Die Verbrecher sind doch auch längst in den Ferien!«

   »Darauf trinken wir!«

   Ein Stuhl war noch frei. Fonseca warf einen Blick auf die Uhr. »Wo bleibt Ana denn?«

   »Die hat bestimmt was Besseres vor!«

   »Was? Als mit mir essen zu gehen?«, sagte Pinto. »Was kann eine Frau denn Besseres vorhaben?«

   »Ah, der fällt schon was ein, keine Sorge!«

   Einige lachten.

  »Achtung, Leute.« Dinis deutete mit dem Kopf auf die offenen Glastüren des Restaurants. »Da kommt sie.«

   Ein Kellner wies ihr lächelnd den Weg und schon trat sie aus dem Innenraum ins Freie: Ana Cristina, die jüngste Inspektorin der Mordkommission und in Fonsecas Abteilung auch die einzige. Sie winkte ihnen zu und kam herüber, schlank und zierlich, in Sandalen mit hohen Korksohlen. Ihr langes dunkles Haar trug sie offen und zu den engen Jeans ein grell orangefarbenes Top mit Spaghettiträgern. Die Nägel ihrer Hände und Füße waren in dem gleichen leuchtenden Orange lackiert, so dass perfekt zur Geltung kam, wie sommerlich braun sie war. Auch die Kellner und die Leute an den Nachbartischen sahen sie unwillkürlich an.

   »Olá! Bin ich etwa zu spät?«

   »Ach was, wir haben doch frei!«

   »Komm, setz dich zu uns!«

   Einer der Kellner war ihr gefolgt und Fonseca nickte ihm zu. »Wir sind dann vollzählig.«

  Die Vorspeise wurde serviert: Amêijoas à Bulhão Pato – Venusmuscheln, gegart mit etwas Knoblauch und frischem Koriandergrün. »Mmm …« Fonseca schloss die Augen, um den Duft zu genießen. »Einfach göttlich. Und wir haben sogar den idealen Wein dazu!« Zur Feier des Tages hatten sie einen guten Alvarinho aus Melgaço bestellt. Die Flaschen standen in Eismanschetten auf dem Tisch und der kühle Weißwein ließ die Gläser beschlagen.

 Beim Essen plauderten sie darüber, was sie alle so vorhatten. Ana erzählte, dass sie mit ihrem Freund an die Algarve wollte, und der eine oder andere sah sie an, als ob er diesen Freund im Stillen beneidete. »Zwei Wochen. Am siebten sind wir wieder hier, da heiratet seine Schwester.«

  »Am siebten?«, sagte Pinto. »Da habe ich Stadionkarten für den Supercup.« Er ballte die Faust. »Wir gegen den Erzfeind!« Der Klassiker stand an: FC Porto gegen Benfica.

   »Und Sie, Chef? Was machen Sie?«

   »Ich fahr nach Ponte de Lima. Kümmere mich mal um mein Haus und meine Weinreben.«

   Fonseca hatte sich nun doch entschlossen, sein Elternhaus im Minho zu behalten und ließ es nach und nach renovieren. Er freute sich auf ein paar unbeschwerte Wochen auf dem Lande, in seinem alten Dorf, wo er noch praktisch jeden kannte und wo er nicht der Chefinspektor war, sondern einfach Zé Manel.

   »Na denn! Auf schöne Sommertage!«

   Es war Samstag, der vierundzwanzigste Juli. Nur wenige Stunden, bevor es begann.

 

 

Der Anruf kam am nächsten Morgen um Viertel nach fünf und Fonseca wusste sofort, dass sich all ihre Pläne erledigt hatten.

  Im Halbschlaf hob er das Telefon ans Ohr. »Ja …?«, brummte er.

  Erst schien überhaupt niemand dran zu sein. Im Hintergrund hörte er andere klingelnde Telefone. Dann, plötzlich, sagte eine laute Stimme: »Chef? Ein Vorfall in Ramalde. In der Zona Industrial sind Schüsse gefallen. Es gibt einen Toten.«

 

 

 

2

 

 

 

»Ich sagte: kein Kommentar! Sie sehen doch, dass ich gerade erst ankomme!«

  »Wir wollen ja nur, dass Sie uns ganz kurz …«

  »Wenn Sie mich bitte durchlassen würden!«

  »Ist es wahr, dass das Opfer Brasilianer ist?«

 Einer der Schutzpolizisten hob das Absperrband für ihn hoch, Fonseca zog den Kopf ein und ging darunter hindurch. »Meu Deus, wo kommen die bloß schon alle her um diese Zeit? Und das am Sonntag!«

  Es war jetzt sechs Uhr morgens, in einer nüchternen Straße im Gewerbegebiet. Der Himmel über den Lager- und Fabrikhallen wurde gerade erst blassblau und rosa.

  Fonseca hatte ein Stück entfernt parken müssen und beim Aussteigen hatte er noch die Vögel in den Straßenbäumen zwitschern hören. Hier drängten sich die Reporter und Schaulustigen, aufgeregte Stimmen und der schnarrende Polizeifunk schwirrten durcheinander. Drei Streifenwagen standen am Straßenrand.

  »Bom dia.« Rui Pinto kam auf ihn zu, gutgekleidet wie immer, in einem hellen Sommeranzug. »Ist das nicht eine Gemeinheit? Am letzten Tag der Bereitschaft?«

  »Tja, unseren Urlaub können wir wohl vergessen. Das hört sich ja gar nicht gut an.«

  »Sieht auch nicht gut aus.« Pinto deutete in die Richtung des Tatorts. Tavares und Andrade standen bei der Leiche.

  »Bom dia

  Der Tote lag seitlich verrenkt auf dem Gehweg, in einer großen Blutlache. Es war ein jüngerer Mann, in Jeans und T-Shirt, auffällig muskulös, mit kahlgeschorenem Kopf.

  »Und? Ist er nun Brasilianer?«

  Andrade hielt wortlos einen Klarsichtbeutel hoch. Ein Pass war darin, dunkelblau mit goldener Schrift: ›República Federativa do Brasil‹.

  Tavares las aus seinem Notizbuch ab: »Nilton de Souza Wanderley, dreiunddreißig Jahre alt, geboren in … Itapetininga Schrägstrich SP. Also ›SP‹ für São Paulo.«

  »Was wissen wir sonst noch über ihn?«

  »Das da ist sein Wagen.« Andrade zeigte auf einen Audi TT, der ein paar Meter weiter stand, innerhalb der Absperrung. »Und die hier lagen ebenfalls im Handschuhfach.« Er reichte Fonseca einen anderen Klarsichtbeutel. Visitenkarten waren darin, mit dem Namen des Toten und dem Logo einer Firma darauf: ›Imocon, Mediação Imobiliária, Lda.‹

  »Ein Immobilienmakler? Ist der Job jetzt schon so gefährlich?«

  »Sieht so aus«, sagte Pinto. »In dem Handschuhfach lag auch eine Schusswaffe.«

  »Mm-hm?« Fonseca sah sich den Toten noch einmal näher an. »Ich hätte ihn ja auch eher für eine Art Gorilla gehalten. Privater Sicherheitsdienst oder so was.«

  »Stimmt, ich auch. Solche Muskeln kriegt man nicht von selbst. Der hat jahrelang Krafttraining gemacht, vielleicht auch Steroide geschluckt.«

  »Was meint ihr, liegt er noch so da, wie er hingefallen ist?«

  »Wahrscheinlich schon. Da hat bestimmt keiner versucht, Erste Hilfe zu leisten.«

  »Wie viele Einschüsse sind es?«

  »Sieben, soweit man zählen kann, ohne ihn umzudrehen. Sieht nach Maschinenpistole aus. Ich würde sagen: klare Tötungsabsicht, ohne Wenn und Aber.«

  Fonseca nickte. Eine glatte Hinrichtung, geplant und ausgeführt. Er blickte auf. »Und was hat der hier gemacht, mitten in der Nacht?« Er drehte sich um und betrachtete die Menge hinter der Absperrung. Was machten überhaupt all diese Leute hier? Die Journalisten, gut. Aber ein Dutzend junger Mädchen in Hotpants und bauchfreien Tops?

  Pinto folgte seinem Blick und lächelte. »Hinter der Kurve da ist die Diskothek Flash, da kommen die alle her. Unser Mann vermutlich auch.«

  »Ach so. Das erklärt ja schon mal einiges. Brauchbare Zeugen dabei?«

  »Bis jetzt nicht. Ist ja klar, in so was will keiner hineingezogen werden.«

   »Was lässt sich zum Tathergang sagen?«

  »Was die Leute hier erzählen, stimmt weitgehend überein. Demnach ist er gegen halb fünf aus dem Flash gekommen, allein, und war wohl auf dem Weg zu seinem Wagen. Dann ist ein dunkler Mercedes aufgetaucht und langsam in dieselbe Richtung gefahren. Und dann sind auch schon die Schüsse gefallen; einige sagen, sehr schnell hintereinander, andere meinen, wie ein Geknatter, sie haben es erst für Feuerwerkskörper gehalten. Der Mercedes hat beschleunigt und war weg. Das ist alles.«

  Fonseca seufzte. »Uma bela merda …«

  »Das kann man wohl sagen.« Pinto blickte nachdenklich auf den Toten hinab. »Ich weiß nicht, ich werde das Gefühl nicht los, dass ich den schon mal irgendwo gesehen habe.«

  »Gibt viele, die so aussehen.«

  »Schon, aber … Na, vielleicht fällt es mir ja noch ein.«

 

 

Es fiel ihm sofort ein, als er hörte, wo Nilton Wanderley gewohnt hatte: an der Douro-Mündung, in Foz Velha. Pinto selbst wohnte nur ein paar Querstraßen weiter. Niltons Adresse endete mit ›5. Stock links‹, seine Wohnung lag also ebenfalls in einem der Apartmenthäuser, die sich hier und da über die Dächer des alten Viertels erhoben.

  Pinto liebte Foz Velha: das Meer direkt vor der Tür, die prächtige Palmenallee am Ufer, wo der Rio Douro breit in den Atlantik strömte, die Strandcafés, die in den Sommernächten zu leuchtenden Bars wurden. Die Mädchen in den Geschäften des Viertels trugen das halbe Jahr einen Bikini unter ihren Sachen, und wenn sie Pause hatten, gingen sie einfach über die Straße an den Strand. Pinto fand, hier ließ es sich leben.

  Er sorgte dafür, dass er dabei war, als am frühen Nachmittag Niltons Wohnung durchsucht wurde. Bis dahin hatte er noch niemandem erzählt, woran er sich erinnert hatte. Er wollte sich erst einmal ungestört umsehen. Nach etwas ganz Bestimmtem.

 Sie waren zu dritt. Auf dem Korridor zogen sie sich Latexhandschuhe an und schlossen dann die Wohnungstür auf. Schon beim ersten Rundgang sahen sie sich immer wieder zweifelnd an. Das Apartment wirkte so steril, als ob es zum Verkauf stünde und der Bewohner seine persönlichen Dinge schon weggeschafft hätte. Keine Familienfotos, kein Hinweis auf eine Freundin, nichts.

  »Vielleicht ist er nicht oft zu Hause gewesen. Es gibt Leute, die können jahrelang so wohnen. Kommen nur mal zum Schlafen vorbei und sind dann gleich wieder weg.«

  »Eine Schande bei der Aussicht«, sagte Tavares.

  Pinto trat an seine Seite. Aus dem fünften Stock ging der Blick über die ziegelroten, verschachtelten Dächer hinweg, über einzelne hohe Palmen und hinaus auf den blauen Atlantik. Immerhin: auf dem großen Balkon standen zwei Sonnenliegen nebeneinander.

  Sie fingen an, alle Schubladen aufzuziehen, die Schränke zu öffnen. Die Gewissheit kam, als sie ein kleines Zimmer betraten, in dem ein Schreibtisch stand. Das Anschlusskabel war noch da, aber der Computer nicht mehr.

  »Da ist jemand vor uns hier gewesen.«

  »Exactamente.« Pinto presste die Lippen aufeinander. Sie mussten trotzdem weitermachen. Er nahm sich die nächste Schublade vor.

 Nilton Wanderley … Es gab tatsächlich viele, die so aussahen, und Nilton allein wäre ihm sicher nie aufgefallen. Aber er hatte ihn auch nie allein gesehen, sondern immer mit zwei, drei anderen Männern zusammen, alle genauso breit und kräftig, mit den gleichen kahlgeschorenen Schädeln. Er hatte sie mehrfach in einer der Strandbars beobachtet und einmal in einem brasilianischen Grillrestaurant – ein paar Typen, die vielleicht im selben Fitness-Studio trainierten. Auch das wäre nicht weiter bemerkenswert gewesen. Was einfach nicht dazu gepasst hatte, war die junge Frau gewesen, die sie bei sich gehabt hatten. Jedes Mal.

  Sie war es, die Rui Pinto ins Auge gefallen war: eine Schönheit, schmal und zierlich und den Mandelaugen nach mit asiatischem Einschlag. Ihr pechschwarzes, volles Haar war auf Kinnlänge geschnitten, wodurch ihr schlanker Hals noch betont wurde. Ganz allein in der Runde mit diesen Männern hatte sie um so verletzlicher gewirkt. Und immer auch irgendwie traurig und in sich gekehrt. Sie hatte kaum gesprochen, und wenn die Männer an ihrem Tisch auflachten, hatte sie nur scheu gelächelt. Hatte sie Angst vor ihnen? Schon beim ersten Mal hatte Pinto nicht aufhören können, heimlich hinüberzusehen. Beim zweiten Mal war er dann schon ganz sicher gewesen, dass da etwas nicht stimmte. War sie freiwillig mit diesen Typen zusammen? War sie in ihrer Gewalt? Zwangen sie sie zur Prostitution? Sollte er etwas tun? Eingreifen? Sie retten?

  Seine Freundin hatte ihn schließlich in die Seite geknufft. »He, glaubst du, ich sehe nicht, wen du die ganze Zeit anstarrst?«

  Er hatte gehofft, hier in der Wohnung einen Hinweis zu finden. Wer war sie? Und wo war sie jetzt? Brauchte sie Hilfe? Einer ihrer Begleiter war gerade auf offener Straße erschossen worden. Pinto schüttelte still den Kopf. Hier war nichts mehr zu holen.

  Blieben die Telefone. Nilton hatte zwei Mobiltelefone dabeigehabt. Er musste wissen, was darauf gespeichert war.

 

 

 

© Mario Lima 2019

 


BARCO Negro

Sie waren jetzt fast da. Links in der Dunkelheit lag schon der offene Atlantik. Der Regen wehte beinahe waagerecht durch das Scheinwerferlicht und prasselte wie irrsinnig gegen die Wagenseite.

 Der Fahrer hielt nervös das Lenkrad umklammert und hatte sich vorgebeugt, um besser sehen zu können. Sturmböen rüttelten an dem Lieferwagen. »Hätte ich mich bloß nie darauf eingelassen!«

 »Das hättest du dir früher überlegen müssen. Also reiß dich jetzt zusammen!« Der Mann auf dem Beifahrersitz saß zurückgelehnt da, beide Hände in den Taschen seines Regenmantels. »Du weißt doch: wir müssen es tun. Eine andere Möglichkeit haben wir nicht.« In der Tasche schloss er einmal probeweise seine Hand um den Griff des Messers. »Es wird schon gutgehen. Wir müssen nur die Nerven behalten. Du auch!«

 »Ja, ja, ich versuch’s ja ...«

 Vor ihnen tauchten weißgetünchte Mauern aus der Dunkelheit auf. Der Fahrer bremste und bog in eine schmale Einfahrt. Dahinter traf der Regen sie mit voller Wucht von vorn. Zwei verschwommene Lichter, das war alles, was von den beiden Häusern zu erkennen war.

Der Lieferwagen fuhr bis hinter das zweite Haus. Dort hielt er an, der Fahrer machte Motor und Scheinwerfer aus. Der andere fragte:  »Hast du den Schlüssel?«

 »Ja, habe ich.«

 »Dann los!«

 Sie stiegen gleichzeitig aus, klappten die Wagentüren hinter sich zu und rannten geduckt zum Haus hinüber. Unter dem kleinen Vordach trafen sie wieder zusammen. Der Fahrer steckte den Schlüssel ins Schloss.

 Der andere hielt sich dicht hinter ihm. Ein leises Klacken, das Öffnen der Haustür: das war das Signal. Er presste dem Fahrer die Hand auf den Mund und stach mit dem Messer zu. Ein einziger Stich, von hinten ins Herz, glatt und sauber.

 Der Fahrer gab kaum einen Laut von sich. Der Mann spürte, wie er in seinem Arm erschlaffte, und ließ ihn vorsichtig vornübersinken.

  Er sah sich kurz um. Dann packte er den Toten, schleifte ihn in den Flur und schloss die Tür hinter sich. Ein, zwei Atemzüge lang stand er im Dunkeln und horchte. Er war da, wo er hinwollte. Er war im Haus.

  In dem Moment ging das Licht an.

 

 

 

1

 

 

Porto, einundzwanzigster November.

 

Auch am Morgen hielten Wind und Regen unvermindert an. Im Westen schlug eine mächtige Brandung an die Küste. Unaufhörlich donnerten die Brecher auf die Felsen und überspülten den Strand. Die Gischt wehte bis über die Straße, und bei den großen Palmen der Uferpromenade schwangen alle Wedel nach einer Seite.

  In langen Schwaden trieb der Regen über die Hügel der Stadt, über die trutzige Kathedrale und den Bischofspalast, über Kirchen und Klöster und das verschachtelte Dächergewirr der Altstadt. Auf den Brücken über den Douro staute sich der Berufsverkehr, und auch auf den übrigen Einfallstraßen ging es nur stockend voran, Wagen an Wagen, mit eingeschalteten Scheinwerfern, in kilometerlangen leuchtenden Schlangen.

 »Muito bom dia! Es ist acht Uhr dreißig.« Der Radiosprecher klang so munter wie immer. »Der Starkregen der vergangenen Nacht hat überall im Großraum Porto zu Überschwemmungen geführt. Die Feuerwehr bemüht sich nach Kräften, die verstopften Gullys wieder freizubekommen, aber bis jetzt muss im gesamten Stadtgebiet mit erheblichen Verkehrsbehinderungen gerechnet werden. Besonders betroffen sind – «

 Ana Cristina schaltete um auf Musik. Sie brauchte keine Stauwarnung mehr, sie stand schon im Stau, auf dem inneren Stadtring. Ab und zu ging es mal ein, zwei Meter vorwärts, dann leuchteten auch schon wieder die roten Bremslichter auf. Die anderen Autos waren beinahe das einzige, was sie erkennen konnte, der Rest der Welt verschwand in Dunst und Regen. Schemenhaft tauchten die blauen Schilder über der Fahrbahn auf und wurden nach und nach größer: ›IC 23, Ponte Freixo, A 1 Lisboa‹.

 Sie fing an, an ihrem Haargummi herumzunesteln, löste es schließlich, schüttelte ihr langes dunkles Haar und band sich dann den Pferdeschwanz noch einmal neu. Sie hatte eine kurze Lederjacke an und enge Jeans, und neben ihr auf dem Beifahrersitz lag die Plastiktüte mit ihren schicken neuen Stiefeletten. Im Moment trug sie ein Paar grellrosa Gummistiefel.

  Das Schild ›Porto, Paranhos‹ erschien und rückte Meter für Meter näher. Ihre Ausfahrt, endlich. Als sie in die Rua Assis Vaz einbog, war sie fast eine Stunde zu spät dran, aber bei dem Wetter ging sie davon aus, dass sie nicht die einzige war.

  Sie bremste vor dem nüchternen grauen Gebäude, das direkt an der Kreuzung stand. Mit seiner halbrunden Betonfassade und den automatischen Schranken vor der Einfahrt hätte es einfach ein Parkhaus sein können. Nur auf einem kleinen Wappenschild am Eingang stand ›Polícia Judiciária‹: Kriminalpolizei. Die Schranke hob sich ganz selbstverständlich vor ihrem Wagen und sie fuhr die Rampe hoch. Ein Wachmann lächelte ihr zu und winkte kurz.

  Während sie durch die Garage fuhr, hielt sie Ausschau nach dem Mercedes ihres Chefs. Er war nirgends zu sehen. Vielleicht war er ja wirklich noch nicht da.

  Also schnell jetzt.

  Kaum hatte sie eingeparkt, langte sie nach der Plastiktüte, machte die Fahrertür weit auf und schwang ihre Beine hinaus. Sie stellte die Stiefeletten vor sich auf den Boden und wollte gerade den ersten Gummistiefel ausziehen, als sie Schritte hörte.

 »Nein, der ist auch nicht da«, sagte jemand, der offenbar im Gehen telefonierte. »Hat aber angerufen. Steht im Stau.«

 Sie erkannte die Stimme sofort, und schon sah sie ihn auch zwischen den geparkten Wagen auf sich zukommen: Inspektor Rui Pinto, wieder in einem seiner feinen Anzüge. Er hatte einen Regenmantel über dem Arm, und mit der anderen Hand hielt er sein Mobiltelefon ans Ohr. Sein schwarzes Haar war an den Seiten straff zurückgekämmt und glänzte, als sei es nass geworden, aber daran glaubte sie nicht recht. Vor etwas Gel im Haar scheute er auch sonst nicht zurück. Er musste so Anfang dreißig sein, etwa zehn Jahre älter als sie selbst, und für ihren Geschmack wusste er ein bisschen zu genau, wie gut er aussah.

 »Nein, die sind beide schon weg«, sagte er. »In Gaia ist eine Wasserleiche angetrieben. Nicht mehr ganz taufrisch, wenn ich das richtig gehört habe. Kommt wohl von weiter flussaufwärts, und das Hochwasser hat sie irgendwo losgerissen.«

 Als er Ana bemerkte, nickte er ihr lächelnd zu, und sie sah, wie sein Blick auf ihre leuchtend rosa Gummistiefel fiel. Er blieb stehen und deckte kurz sein Telefon ab. »Lassen Sie die mal gleich an. Wir müssen los. Außerdem sehen die klasse aus!«

  Sie lächelte etwas bemüht zu ihm hinauf.

 »Ja, ja, alles etwas schwierig heute Morgen. Ana ist gerade reingekommen, die könnte ich mitnehmen.«

  Sie rollte die Augen gen Himmel. Na, wunderbar! Inzwischen war sie ziemlich sicher, dass er mit dem Chef telefonierte. Sie schüttelte den Kopf und wartete ab.

  »Ja, machen wir. Und Sie kommen dann auch hin? – Gut, ich melde mich dann.« Pinto nahm sein Telefon vom Ohr und drückte die Taste.

 Ana steckte ihre Stiefeletten zurück in die Plastik­tüte, warf sie in den Wagen und stand auf. »Bom dia

 »Bom dia. Der Chef kommt heute später, bei dem hat’s reingeregnet. Alles unter Wasser, sagt er. Die Sache ist die: wir haben einen Leichenfund in Perafita.«

  »Aha?« Sie schloss ihren Wagen ab. »Und was ist da passiert?«

  Pinto zuckte die Achseln. »Bis jetzt wissen wir nur, dass da ein toter Mann im Hausflur liegt. Hier entlang, bitte. Die Schutzpolizei hat die Sache gerade eben gemeldet, ein Streifenwagen ist vor Ort. Ein Einzelhaus am Rande von Perafita, irgendwo hinter der Raffinerie.« Er nahm einen Autoschlüssel aus der Tasche, drückte darauf, und ein ganzes Stück vor ihnen klackte es und ein Citroën ließ seine Hecklichter aufleuchten. »Der Mann ist vermutlich erstochen worden. Von hinten.«

 »Das heißt, es war Mord?«

 »Sieht so aus.«

 Ana ließ sich nichts anmerken, nur ihre Schritte wurden etwas schneller. Eine richtige Mordermittlung, von Anfang an! Das war mal etwas anderes als der Kleinkram, der ihr sonst so zugeschoben wurde. Sie brauchte endlich eine Aufgabe. Sie wollte beweisen, dass sie etwas konnte. Schließlich war sie frisch von der Polizeihochschule und vom Dienstgrad her noch Inspectora estagiária: Inspektorin im Praktikum.

  Sie hörte, wie ein Auto die Rampe heraufkam und wandte sich misstrauisch danach um. Das fehlte noch, dass ihr jetzt einer den Fall vor der Nase wegschnappte. Aber nein, der Wagen kam ihr ganz unbekannt vor.

  Pinto hatte auch gar nicht hingesehen, er telefonierte schon wieder. »Ja, ich fahr jetzt nach Perafita. Wie sieht’s denn aus auf der IC 1?« Er öffnete die Fahrertür. »Immer noch? Na gut, danke.« Er legte sein Telefon aufs Wagendach und zog den Regenmantel an. »Die IC 1 ist dicht. Mal sehen, ob wir irgendwie anders durchkommen.«

 »Das werden wir schon«, sagte Ana mit einem Lächeln. »Fahren wir auf jeden Fall erst mal los!«

 

 

Eine halbe Stunde später standen sie im Stau auf der Avenida da Boavista, und es regnete, dass die Scheibenwischer kaum dagegen ankamen. Irgendwo weit vor ihnen zuckte der Widerschein eines Blaulichts an den nassen Fassaden. Vorne und hinten wurde immer wieder laut gehupt. Pinto telefonierte die meiste Zeit. Zwischendurch fragte er einmal: »Das ist dann Ihr erster Mordfall, was?«

 »Ja«, konnte sie gerade noch sagen, dann erklang schon von neuem die Erkennungsmelodie seines Telefons.

  Wieder sah sie still aus dem Seitenfenster. In dem Mercedes neben ihr saß ein älterer Herr, der ebenfalls ununterbrochen telefonierte. Offenbar benutzte er eine Freisprechanlage. Ganz allein in seinem Wagen, redete und redete er und gestikulierte dauernd mit beiden Händen. Sie war immer noch dabei, ihm zuzuschauen, als Pinto plötzlich sagte: »Was? Und wo?«

Sie sah ihn an.

  »Ja«, sagte er. »Ja.« Es schien etwas Ernstes zu sein. »Ja. – Aha? Und woher wissen wir das so genau? – Moment mal. Reden wir hier von derselben Nachbarin, die den Mann gefunden hat? – Und die läuft da jetzt immer noch im Haus herum? – Ja, ja, wir sind gleich da.« Er drückte die Taste. »Jedenfalls hoffen wir das.«

  »Was ist los?«

 »Sie haben noch eine Leiche gefunden. Drinnen im Haus. Im Wohnzimmer liegt eine Frau.« Er schüttelte den Kopf. »Und identifiziert ist sie auch schon!«

  »Identifiziert?« Das alles klang nicht gerade nach einem Ablauf wie im Lehrbuch.

  »Ja, von einer Nachbarin! Wissen Sie, was die gesagt haben? Sie hätten sie ›nicht aufhalten können‹! Zugegeben, solche Nachbarinnen gibt es.«

  »Das heißt, die haben nicht einmal den Tatort abgesperrt?«

  Pinto hob beide Hände. »Schutzpolizei! Wer weiß, was die da sonst noch gemacht haben. Wahrscheinlich wieder ein paar Kippen irgendwo hingeworfen. Bei denen kann man froh sein, wenn sie den Tatort nicht aus Versehen in Brand gesteckt haben, bevor man da ist.«

  »Na, das fängt ja gut an.«

 »Wieso, ist doch normal.« Er hupte zweimal kurz hintereinander. Sofort fingen auch andere Fahrer wieder an zu hupen. »So, irgendwie müssen wir hier jetzt mal weg! Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit.«

  Er schaltete den Blinker ein, fuhr an und schwenkte einfach links aus dem Stau hinaus auf die Gegenfahrbahn. Als sie an der Reihe der Autos entlangfuhren, die vor ihnen gestanden hatten, steigerte sich das Hupen zu einem wütenden Dauerton. Einen Moment lang wunderte sich Ana, dass die Spur überhaupt frei war und ihnen niemand entgegenkam, aber dann sah sie auch schon den Grund. Hinter dem Feuerwehr­wagen mit dem blinkenden Blaulicht stand die breite Avenida komplett unter Wasser, und der Gegenverkehr wartete drüben am anderen Ufer.

  Ein Feuerwehrmann kam winkend auf sie zu: ›Halt, halt! Zurück!‹ Aber Pinto fuhr ungerührt weiter und hielt erst direkt neben ihm an. Er ließ sein Seitenfenster herunter und zeigte die Dienstmarke der Polícia Judiciária. »PJ«, sagte er. »Wir müssen durch!«

  »Das geht nicht! Das sehen Sie doch! Da saufen Sie ab bis hier! Wir tun ja schon, was wir können!«

  »Wie sieht’s denn da links aus? Kann ich da nicht seitlich vorbei?«

 »Nein, können Sie nicht! Sie können höchstens wenden und zurückfahren!« Der Feuerwehrmann richtete sich abrupt auf. »Oh, Scheiße! Jetzt kommen die hier alle an!« Er hob beide Arme. »Zurück! Zurück, hab ich gesagt! Hier ist gesperrt!«

  Pinto ließ seine Seitenscheibe hoch und gab unauffällig Gas. Ein paar Meter fuhren sie durch flaches Wasser, dann stand ein Lieferwagen im Weg. Pinto hupte ihn an, aber er rührte sich nicht. »Können Sie hinten was sehen?«

  Ana drehte sich um. Der Regen prasselte laut aufs Wagendach. »Nein, nicht wirklich!« Aber schon fuhren sie rückwärts.

  Pinto bremste und bog dann auf eine Art Vorplatz ein, auf dem Fahnenmasten standen. Ana sah den erleuchteten Eingang eines Hotels vorbeiziehen, dann waren sie hinten auf einem Parkplatz. Vor ihnen tauchte eine Schranke auf. Pinto fuhr an das Wärterhäuschen heran, klopfte an die Scheibe, und sie wurde zögernd aufgeschoben. »PJ. Alles in Ordnung bei Ihnen? Na, prima. Dann machen Sie bitte die Schranke auf, ja?« Der Parkwärter stellte keine Fragen.

  Als sie weiterfuhren, sagte Ana: »Diese Frau … Hat man Ihnen etwas über die Todesursache gesagt?«

  »Nein, nichts. Steht wohl noch nicht fest.«

  »Und wer ist sie? Was sagt die Nachbarin?«

  »Die sagt, es ist die Ehefrau. Die beiden Toten sind wohl die Leute, die in dem Haus gewohnt haben. Die beiden allein, sagt sie. Keine Kinder oder sonst jemand.«

  An der nächsten roten Ampel hob er sein Telefon ans Ohr. »Ja, Inspektor Pinto hier, PJ. Wir sind auf dem Weg zu Ihnen.« Die Ampel wurde grün und er fuhr wieder an. »Wie ist das, mit der weiblichen Leiche: können Sie etwas über die Todesursache sagen? – Nicht einmal eine Vermutung? Wonach sieht es denn aus? – Was soll das heißen, ›merkwürdig‹? – Ja, das würde ich ja gern. Bis gleich.« Er sah Ana an und sagte: »Irgend­etwas kommt ihnen ›merkwürdig‹ vor. Sie können sich ›gar nicht erklären, was da passiert ist‹.«

  »Mehr hat er nicht gesagt?«

  »Nein, er meinte, wir sollen uns das lieber mal selber ansehen.«

  »Na gut, warten wir’s ab.« Etwas unwillig blickte sie hinaus in den Regen. Ein Auto immer dicht hinter dem anderen, fuhren sie eine enge, dunkle Straße entlang. Nach einer Weile sagte sie: »Ein Ehepaar …«

  »Tja«, sagte Pinto, »in neun von zehn Fällen heißt das: Einer von ihnen hat den anderen umgebracht. Und hinterher Selbstmord begangen.«

  »Angenommen, es stimmt, dass der Mann von hinten er­stochen wurde …«

  »Dann wäre das die Frau gewesen, das ist richtig. Ich weiß nicht, früher war ein Messermord ja eher Männersache. Aber die Frauen von heute, hm?« Er sah sie von der Seite an. »Die holen eben auf in allen Bereichen.«

  Ana lächelte kurz zurück, aber sie sagte nichts dazu. Die Straße führte jetzt bergab, und dort unten, zwischen den Häusern mit den kleinen Balkonen, sah sie plötzlich das Meer: die riesigen Atlantikbrecher, die so machtvoll herangerollt kamen, dass sie sich beinahe erschrocken in ihren Sitz zurücklehnte.

 

 

© Mario Lima 2016