Leseprobe

Porto Vintage, S.7 :

 

 

Am nächsten Morgen setzte sich Ana Cristina Santos an ihren Schreibtisch, einen Becher Kaffee in der Hand, und ließ ihren Blick über den Haufen Papierkram wandern, der sie auch heute wieder erwartete. Sie seufzte leise. Wenn ich das geahnt hätte ...

   Es war alles noch sehr ungewohnt. Schon, dass sie jetzt ein Büro für sich allein hatte. So oft die ganze Unruhe sie auch gestört hatte – die ewigen Klingeltöne und lauten Gespräche um sie herum, gerade wenn sie über etwas Wichtiges nachdenken musste –, so einsam und von allem ausgeschlossen fühlte sie sich nun an ihrem neuen Platz.

   Vor einem halben Jahr war sie befördert worden, nachdem sie den weiterführenden Kursus am Institut der Polícia Judiciária mit Auszeichnung bestanden hatte. Mit ihren einunddreißig Jahren war sie jetzt die jüngste Chefinspektorin der PJ Porto. Als ihr alter Chef Fonseca in Pension gegangen war, hatte man ihr die Leitung seiner Abteilung übertragen – derselben Abteilung der Mordkommission, in der sie neun Jahre zuvor als Inspektorin im Praktikum angefangen hatte. Einige aus dem alten Team waren noch dabei, andere nicht. Rui Pinto hatte drei Jahre vor ihr den Kursus zum Chefinspektor absolviert und leitete seitdem seine eigene Abteilung. Sie sahen sich oft auf dem Korridor oder in der Kantine, und manchmal seufzten sie gemeinsam: Ermittlungsleitung an sich war ja gut und schön. Wenn nur diese Bürokratie nicht wäre ...

   Sie gab sich einen Ruck, zog eine dicke Prozessakte vom Stapel und schlug sie auf. Den Blick auf den Monitor gerichtet, klickte sie gerade die entsprechende Datei an, als ihr Schreibtischtelefon klingelte. Sie sah auf die Anzeige. Ihr Direktor.

   Gleich morgens verhieß das selten etwas Gutes. Ana meldete sich betont arglos mit: »Ja? Bom dia!«

   »Bom dia ... Hören Sie, Vila Real bittet dringend um Amtshilfe, wegen Überlastung. Ich hab hier Pacheco in der anderen Leitung hängen. Reden Sie doch bitte mal mit ihm. Ich denke, Ihre Abteilung ist im Moment die einzige, die da einspringen könnte.«

   Es lag ihr ja auf der Zunge, zu sagen: ›Wie kommen Sie denn darauf? Wir sind selbst überlastet‹, aber sie wusste es besser. »Ja, gut«, sagte sie, »stellen Sie durch.«